Interview: „Arzneimittel spenden? Bitte nicht!“

Ulrike Kuhn, Apothekerin - Pharao Apotheke

Viele Menschen lagern in ihrer Hausapotheke noch haltbare Medikamente, ohne dass ein Familienmitglied sie noch braucht. Die Idee ist naheliegend, diese Arzneimittel doch zu spenden. Aber wem? Hilfsorganisationen, die sie für Menschen in Ländern verwenden können, denen der Zugang zu einer adäquaten Arzneimittelversorgung verwehrt ist? Unsere (ehemalige) Kollegin Ulrike Kuhn, seit langem bei dem Apothekern ohne Grenzen engagiert, hat dazu einige Fragen beantwortet.

Die Apotheker ohne Grenzen lehnen das Sammeln von Arzneimittelspenden aus Privathaushalten für Projekte in der Nothilfe und in der Entwicklungszusammenarbeit ab. Warum?
Bei dieser Art von Spende stimmen einfach Angebot und Nachfrage nicht überein. Nehmen wir eine große Naturkatastrophe wie ein Erdbeben oder einen Tsunami als Beispiel: In kurzer Zeit müssen viele Verletzte und traumatisierte Menschen schnell versorgt werden. Hierfür braucht man ein überschaubares Sortiment an Arzneimitteln. Diese müssen schnell und in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Eine kunterbunte Mischung von Kleinspenden, die von A wie Abführmitteln bis Z wie Zinksalbe alles Mögliche enthält, ist da nicht hilfreich. Im Gegenteil: Die Zeit, um eventuell brauchbare Präparate auszusortieren, haben die Hilfskräfte vor Ort nicht. Und auch bei Projekten, die langfristig in Entwicklungsländern durchgeführt werden, ist es viel sinnvoller und auch respektvoller gegenüber den Empfängern, deren wirklichen Bedarf zu sichern. Sammlungen aus unseren Haushalten erfüllen diese Bedingungen nicht. Am Ende bleiben vielleicht riesige Mengen an unbrauchbaren Medikamenten liegen. Dieser Arzneimittelmüll muss dann für teures Geld entsorgt werden, das viel hilfreicher eingesetzt werden könnte.

Unbrauchbar: Als Müllhalden können sinnlose Sammlungen von Arzneimittelspenden aus Privathaushalten enden, weil sie für Hilfsprojekte ungeeignet sind.

Unbrauchbar: Sinnlose Sammlungen von Arzneimittelspenden aus Privathaushalten enden auf dem Müll, weil sie für Hilfsprojekte ungeeignet sind.

Welche Gefahren bestehen, wenn Medikamente aus Deutschland als Spende ins Ausland gebracht würden?
Es besteht die Gefahr, dass die Präparate mit deutschen Handelsnamen und ausschließlich deutschsprachigen Beipackzetteln im Einsatzland beziehungsweise bei den international zusammengesetzten Helferteams unbekannt sind und demnach falsch oder gar nicht verwendet werden. Was man nicht vergessen darf: Auch bei Arzneimittelspenden müssen gegebenenfalls Zoll- und Einfuhrbestimmungen beachtet werden. Eine „bunte Mischung“ kann aber gar nicht korrekt deklariert werden und macht eventuell hier schon Probleme.

Wie können Medikamente dann sinnvoll gespendet werden?
Die anerkannten Hilfsorganisationen im medizinischen Bereich verwenden in der Regel Notfallkits für ihre Einsätze. Das sind bedarfsgerecht geschnürte Pakete mit international bekannten Arzneimitteln, die in gewissem Umfang vorrätig gehalten werden. Diese kosten natürlich Geld und hierfür kann man beispielsweise spenden. Medikamente als Sachspende sind nur sehr eingeschränkt geeignet. Eigentlich nur dann, wenn man durch persönliche Kontakte sicher gehen kann, dass die geschilderten Probleme nicht auftreten.

Was können Privatpersonen mit noch haltbaren Arzneimitteln machen, die sie nicht mehr brauchen?
Grundsätzlich sind Arzneimittel als besondere Ware zu betrachten, die nicht „Second Hand“ gehandelt werden darf. Die Vorschriften für Heilberufler sind hier eindeutig formuliert und das ist im Sinne des Verbraucherschutzes auch gut so. Im Übrigen gelten diese Vorschriften genauso im Ausland. Ein Medikament, das bei uns nicht mehr in Umlauf gebracht werden darf, darf auch woanders nicht mehr eingesetzt werden. Wenn man also Medikamente übrig hat, weil man eine Therapie abbrechen musste oder weil ein Angehöriger verstorben ist, dann sollte man sie sachgerecht entsorgen. Bestimmte rezeptfreie Arzneimittel kann man eventuell noch für die eigene Hausapotheke verwenden. Meine Empfehlung an die Leser: Lassen Sie sich zu allen Fragen rund um dieses Thema in Ihrer Apotheke beraten. Auskünfte zur umweltgerechten Entsorgung bekommt man auch bei der zuständigen Kommunalbehörde.

 

Weitere Informationen zum Herunterladen:
„Arzneimittel spenden?“ – Informationsflyer der Apotheker ohne Grenzen (AoG)

Bildnachweis:
Ulrike Kuhn: privat
Medikamenten-Müllhalde: Apotheker ohne Grenzen (AoG)